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22.04.2018

Blütenwanderung der CDU Oberkirch

Ein Blick auf die blühende Natur vor dem Hintergrund des Insektensterbens

Von Paul Singler

Eine Begehung von Obstplantagen und Feldern im Umfeld des OGM zusammen mit den Experten Georg Wolf für den Bereich Landwirtschaft und Dr. Meinrad Heinrich als Mann des Naturschitzes sorten für nachdenkliche und im Ganzen gewinnbringende Gespräche.

Der Einladung zu dieser Veranstaltung des Stadtverbandes der CDU Oberkirch war bei fast 30 Grad nur eine relativ kleine Gruppe von Interessierten gefolgt – darunter allerdings ausgewiesene Experten in Sachen Landwirtschaft und Naturschutz:
Stadtrat Georg Wolf (CDU) vertrat den Part des Obstbauern, der dem Spannungsverhältnis zwischen den Anforderungen eines ökonomisch erfolgreichen landwirtschaftlichen Betriebs und den Erfordernissen einer ökologisch vertretbaren Anbaupraxis gerecht werden möchte.
Meinrad Heinrich (BUND) machte als Vertreter des Naturschutzes aufmerksam auf die bedrohlichen Ausmaße des Insektensterbens, das hinreichend belegt sei. Die fundierten Kenntnisse dieser beiden Vertreter von Obstbau einerseits und Naturschutz andererseits machten ein intensiv-kritisches Gespräch möglich – je ergänzt durch Fragen und Kenntnisse aus den Reihen der weiteren Teilnehmer, zu denen neben Landwirten auch Vertreter von Nabu und Imkern zählten. Folgendes bleibt zu protokollieren:

Station 1: Obstbauer Wolf zeigt eines seiner Felder, auf dem derzeit als Zwischenfrucht eine Klee-Gras-Mischung wächst; in den Jahren davor war es mit Apfelbäumen und auch Erdbeeren bepflanzt gewesen. Dieser Grasbewuchs wird mehrmals gemulcht und zuvor jeweils mit sog. effektiven Mikroorganismen besprüht. Die Mikroorganismen verändern den Mulch so, dass ein für nachfolgende (Erdbeer-)Pflanzungen wichtiger Nährstoffeintrag erfolgen kann. Wolf demonstrierte eine beispielhafte Bodenbearbeitung, die für Erosionsschutz und Humusaufbau sorgt.
Heinrich bemerkt kritisch, dass – bei allen positiven Bemühungen um den Boden allein – kein Zugewinn für die Mehrzahl der Insektenarten zu erwarten ist. Insekten bedürften außer Nektar und Pollen auch spezifischer Wirtspflanzen in Form von Ackerwildkräutern, von denen sie für die Fortpflanzung abhängig seien - und diese fehlten zunehmend in der Agrarlandschaft, wie auch das Bundesamt für Naturschutz in seinem Agrarbericht 2017 beklagt.
In diesem Zusammenhang verweist Wolf auf das gemeinsame Projekt vom OGM Mittelbaden und dem Lebensmittelkonzern REWE („Rewe PRO Planet“), durch das 34 landwirtschaftliche Betriebe gewonnen werden konnten, insgesamt 4,3ha Gelände für die Aussaat von ein- oder mehrjährigen Blühmischungen, Heckenpflanzungen usw. zur Verfügung zu stellen. Franz Just (BUND) ergänzt, dass zu fetter Mutterboden den Aufwuchs von für Insekten wichtigen Kräuter verhindert, die gegen wucherndes Gras nicht bestehen könnten.

Station 2: Georg Wolf zeigt ein Erdbeerfeld, das – auch ohne Folientunnel – demnächst Früchte tragen werde.
Dies werde möglich durch eine Vorbereitung des Feldes, wie an „Station 1“ dargestellt. Allerdings werden auch Erdbeeren „aus geschütztem Anbau“ (aus „dem Tunnel“) im Handel angeboten; dieser Anforderung könnten dann diese Erdbeeren – obwohl qualitativ wohl gleichwertig – nicht genügen. Grundsätzlich verlange die sogenannte integrierte Produktion mit strengen Regelungen zum Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln und den verlangten Zertifizierungen den Landwirten viel Einsatz ab – auch was die Bürokratie anbelangt.
Heinrich weist die Gruppe auf die vor ihr liegende Landschaft hin: ausgedehnte Obstintensivanlagen, Erdbeerfelder, homogene Weinberge. Er zeigt auf, dass sich bei diesem Blick kaum Landschaftselemente zeigen, die einen ausreichenden Lebensraum für Insekten und Vögel bieten. Ein „Monitoring“ zum Insektensterben kann über den „Indikator“ der in einer Landschaft vorhandenen Vogelarten erfolgen. gerade der Agrarindikator Vögel zeige einen seit Jahren ungebremsten Negativtrend.

In der lebhaften Diskussion kommt auch der Weinanbau in Terrassenform zur Sprache, der durch seine unbewirtschafteten Böschungen Lebensraum für Wildpflanzen und somit Insekten biete. Außerdem führten größere Abstände der Rebzeilen zu besserer Durchlüftung und damit weniger Pilzbefall und Mitteleinsatz.

Ein weiteres Thema war das Grünland, dessen Flächenverlust zwar in letzter Zeit gebremst werden konnte, dessen Qualität jedoch im Hinblick auf biologische Vielfalt dramatisch abnehme. Wo früher zweischürige Wiesen eine reiche Blütenvielfalt hervorbrachten, hätten Düngung und wiederholte Schnitte zur Sillagegewinnung zum Verschwinden vieler Blühpflanzen , im Gefolge auch von Schmetterlingen und Vögeln geführt. Im vorderen Bottenauer Tal seien im Gefolge dieser Veränderungen ehemals häufige Brutvögel wie Feldlerche, Grauammer, Braunkehlchen verschwunden, so die anwesenden Naturschützer.

Station 3: Ein Wiesengelände mit großen Kirschbäumen, eine Streuobstwiese mit differenzierter Flora; man bedauert, dass in weiten Bereichen solche Grundstücke selten geworden sind, und durch häufiges Mulchen das langfristige Hochkommen einer Blütenflora unmöglich wird. Eine Frage ist, ob bzw. wie die Kirschbäume darüber gespritzt werden. Wolf erklärt, dass die heutigen Spritzmittel oft selektiv wirksam seien und nicht generell die Insektenfauna schädigen. nicht jedes Spritzmittel sei Gift. Von Seiten der Imker wird moniert, dass sich die Bienengefährlichkeit von insektiziden an der 24-stündigen Überlebenszeit der Bienen orientiere, darüber hinaus gehende Schädigungen wie beispielsweise Orientierungsverlust bei der Zulassung aber nicht berücksichtigt würden. Dies müsse sich in der Zukunft ändern und die Untersuchungen auch auf Wildinsekten ausgedehnt werden.

Ein anschließendes Wiesengelände im Bereich des Trinkwasserspeichers Boschmatten, das von der Stadt Oberkirch angelegt wurde, bietet ein prächtiges Bild und begeistert die Teilnehmer. Man ist sich einig, dass es in unserer Agrarlandschaft mehr solcher Elemente bedarf und deren Vernetzung anzustreben ist.
Vera Huber fragt nach Gründen, warum es zu einem Insektenstreben des bekannten Ausmaßes trotz der heute größeren Zurückhaltung beim Pestizideinsatz kommen konnte. Heinrich verweist unter anderem auf neuere Insektizide wie z.B. die Neonikotinoide, die sehr umfassend wirken und das empfindliche Nervensystem von Insekten angreifen.
Angesichts eines in manchen Gebieten gemessenen Rückgangs der „Insektenmasse“ um 70-80% verweist Manfred Weber auf die Notwendigkeit des Bereitstellens von Flächen, auf denen nachhaltig ehemals verbreitete Wildpflanzen als Insektenweide wieder gedeihen könnten. Auch das Stehenlassen von alten Einzelbäumen könne ein Beitrag zur Steigerung der Biodiversität sein.

Tenor des Abschlussgesprächs war die Einsicht, dass man nicht einfach zuwarten könne, bis sich die Situation weiter verschlimmert. Projekte etwa zur Anlage von Randstreifen entlang von Obstkulturen als blütenreicher Saum könnten die Landschaft entscheidend insektenfreundlicher gestalten.

Paul Singler bedankte sich im Namen des CDU-Vorstands bei den Experten Meinrad Heinrich und Georg Wolf, aber auch bei allen anderen Teilnehmern der Veranstaltung, die trotz nachhaltiger Hitze engagiert dabei waren.

Paul Singler